Verramscht wird das Vermächtnis der Ahnen

Vo eunä Woch wor i(s)ch uffen Flohmackt in Dammstadt. Beu eunäm Stoand daht de Väkeifä  seu Woare lautstack väkinde.Ich hebb hier äh Halskett aas e(s)chte Menschezähn“, schrie ä, „de ideelle Wert duht baa verzi(s)ch bis fuffzi(s)chdausend Eiros leihe, i(s)ch vähekä, joa verramsch se fer nur dreißi(s)ch Eiro“.

Dreißi(s)ch Eiro seun aach noch zuviel“, bemerkte ähn Besuchä, „an de Kett seun doch absolut  nix besunneres, selwst drei Eiros defier seun Diebstahl.“

Se kenne net die Geschicht vo diesäm Schmuckstick“, klärte ä den Moann un die annern Umstehende uf, „zim Baaspiel diesä Schneidezoahn“, ä hob die Kett in die Hee(s)ch un deitete uf ähn gäle Zoahn, „duht vo eunäm meunä Vofahn stoamme, ähn preißi(s)chä Soldat aas de Zaat de Befreinungskriege geje Napoljon, also vo uugefäh

zwaahunnerd Joahrn.  Des wor so: Meu Vofah stoand ähn froanzesische Soldoat gejeiwä.  Wo duhst du Uhrumpel hä kumme? froate de Franzos de Preiß. Ik komm aus Ballin, daht meun Vofah oantwordde.   Von däm Dorff hebb i(s)ch nie geheert, gestoand de Moann aas Froankrei(s)ch, seun doa noch mä so Deppe wie du?    Ebbes belaadi(s)cht wor doa schun moan preißischä Vofah,  wat denn,wat, Ballin is doch keen Doorf   dahtä bemerke  un boxte däm Frechdaks in die Visaa(s)ch. De välor zwaa Zähn, die seun aach hier in de Kett newwe däm gäle Schneidezoahn.“

Hodd de Froanzos werkli(s)ch hessi(s)ch gebabbelt?“ froate oan Flohmacktbesuchä mit Väwunnerung.

Noa, vämutli(s)ch net, dä hood bestimmt statt Dorff  villaa(s)ch gesoat un aach sunst froanzesisch gebabbelt. Si(s)chä seun awä, doas baa de Priehelei, die si(s)ch oaschloss, meun Vofahaach diesän Schneidezoahn ass seunäm Meil(s)che spuckte.“

Märere Zuheerä musste lache.

Sä indresont seun a diese vier Zähn“, daht de Väkeifä waatä väzähle un deitete uf er(s)chendwelch(s)che vo de Kett, „se stoamme aas Siedwestafrika, heit Nanibia genoannt, zwaa seun vo meunä addraktiv Ururgroßmuddä, die zwa annern von schwaddse Hottetotte, die doamoals, vo de Deitsche unnädrickt,  geje die Besatzungsmacht rebellierte.“

Doann muss i(s)ch hier noch uubedingt die Geschicht vo de Backezähn väzähle, die vo meunäm Großvaddä stamme“, behaaptete de Moann, „geje End des zwaate Weltkrieges, es wor Joanuor orrä Fäbruor funfunverzi(s)ch, soate moan Großvaddä Kall, ä woar als Soldoat ineunä Kasern in Dammstadt stazjoniert, zu seunäm Brure, moan Großunkel .....i(s)ch mach nemmä mit, es macht koan Spass mä.     Ä zog Uniform, euschließli(s)ch Gertel mit Koppelschloss aas un machte die Fladdä.  De Brure musste nemmä diene, ä hodd schun vohä äh Boa välorn. Eun Daach spätä äschiene zwaa Männä in er(s)chendso eunä Uniform un informierte: Mä misse de Kall vähafte un weje Foahneflucht sofordd äschieße.   Dä seun fordd, i(s)ch waaß net wohie, daht meun Großunkel beri(s)chte.

So? dahte die zwaa Deppe oantwordde, doa misse mä halt di(s)ch äschieße weje Baahilfe zur Foahneflucht.Meun Großunkel hodd werkli(s)ch äh friedli(s)ch Gemiet, awä des woar zuviel fer ihn.    Doass ihr Noazis äh Meis im Kopp hebbt, hobb i(s)ch schun immä geoahnt, awä jetz hobb i(s)ch de endgildi(s)che Bewaas, dahtä denne entgeje schreie. Mit seune Kricke haate ä sofordd eunäm iwän Kopp, dä doann hiefiel unden annern Bleedmoann mit zu Bode riss. Mittäm

Gertel vo seunäm Brure schlugä ä wietend uf die eu, mitten in die Visaa(s)ch un oachtete druf, doass des Koppelschloss genau Noas,Stern un Hinnäkopp bearweide daht. Die Zwa seun ohnmächsdi(s)ch worn und loage mit bluudiwästremten Gesi(s)cht uffen Boode. Moan Großunkel machte doann die Fladdä, ä wollt net oabwadde bis noch so ähn Äschießungs-kommando eun Besuch macht.“

Des seun joa hochindresant“, nickte oan Moann, „mä merkt   die Aura dä deitsch Geschicht haucht hier aas de Kett.“

Des kenne se laut soage“, bestädi(s)chte de Väkeifä, „jedä mit historischem Bewusstseun spiert, die deitsch Geschicht hodd dor(s)ch die Kett zugebisse.

                     Geschi(s)cht västehn seun sä  wi(s)chdi(s)ch,

                     wä die Kett kaaft, hoandelt ri(s)chti(s)ch.“

Wieso duhn se des Vämächtnis ihrä Oahne so väramsche un bewoahrn dies wertvoll Stick

net in ihrm Wohnstubbschroank uf?“,  froate ä Fraa.

I(s)ch hebb Schulde“, gestoand de Väkeifä kleulaat, „er(s)chendwie muss i(s)ch se beglei(s)che. Mit schwärem Herze un drauri(s)chä Seel trenn i(s)ch mi(s)ch devo.“

Ähn Juuchendli(s)chä so um die fuffzeh, sechzeh soate zu seunäm Vaddä: „Du Babba, im Geschi(s)chtsunnäri(s)ch tduhn mä groad iwä die Noazizaat babble, die Kett kennt i(s)ch gut defier gebraache.“

De Vaddä vähoandelte mit däm Flohmacktväkeifä, fer zeh Eiro wekselte Halskett un Gertel mit Koppelschloss de Besitzä.

Woahre Anekdote werd jetz de junge Moann seunäm Geschi(s)chtslehrä väzähle kenne“, vä-

sproach noch de Väkeifä, „dezu will i(s)ch noch groatis iwä oan Äei(s)chnis beri(s)chte:  Als moan Großunkel die beide Noazideppe ins Jensaats beferderd hodd, zog ä seu Hos runnä un hodd denne, bevo ä die Fladdä machte, genau iwä die Visaa(s)ch geschisse, ä hodd weje de Ufrä(s)chung Dor(s)chfall kriggt.

             Die Noazibleedel hodden im Kopp ne Meise

             moan Großunkel daht druf defti(s)ch scheiße.“

Übersetzung:Vor einer Woche war ich auf dem Flohmarkt in Darmstadt. Bei einem Stand ver-

kündete der Verkäufer lautstark seine Ware.    

Ich hab hier eine Halskette aus echten Menschenzähnen“, schrie er,„der ideelle Wert liegt bei 40 bis 50 000 Euro, ich verhöker, ja verramsche sie für nur 30 Euro.“

Dreißig Euro sind auch noch zuviel“, bemerkte ein Besucher, „an der Kette ist doch nichts Besonderes, selbst 3 Euro dafür wäre Diebstahl.“ 

Sie kennen nicht die Geschichte von diesem Schmuck-stück“,   klärte er den Mann und die anderen Umstehenden auf, „zum Beispiel dieser Schneidezahn“, er hob die Kette in die Höhe und deutete auf einen gelben Zahn, „stammt von einem meiner Vorfahren, ein preußischer Soldat aus derZeit der Befreiungskriege gegen Napoleon, also vor ungefähr 200 Jahren. Das war so: Meinem Vorfahr stand einem französischem Soldat gegenüber.  Wo kommst du

 

 

 

 

ungehobelter Trottel her?  fragte der Franzose den Preußen.  Ich komme aus Berlin, antwortete mein Vofahr.  Von dem Dorf habe ich nie was gehört, gestand der Mann aus Frankreich, sind da noch mehrso Deppen wie du?

    Etwas beleidigt war da schon mein preußischer Vorfahr, Wat denn, wat denn, Ballin is doch keen Doorf, bemerkte er und boxte dem Frechdachs ins Gesicht. Der verlor zwei Zähne, die sind auch hier in dieser Kette, neben dem gelben Schneidezahn.“  

Hat der Franzose wirklich hessisch gesprochen?“ fragte ein Flohmarktbesucher mit Verwunderung. 

Nein,vermutlich nicht, der hat bestimmt statt Dorf village gesagt und sonst auch nur französisch geschwätzt. Sicher ist aber, dass beid er Prügelei, die sich anschloss, mein Vorfahr auch diesen Zahn aus seinem Mäulchen spuckte.“

Mehrere Zuhörer mussten lachen.

Sehr interessant sind auch diese vier Zähne“, erzählte der Verkäufer weiter und deutete auf irgendwelche von der Kette, „sie stammen aus Südwestafrika, heute Namibia genannt, zwei sind von meiner attraktiven Ururgroßmutter, die zwei anderen von schwarzen Hottentotten, die

damals von den Deutschen unterdrückt, gegen die Besatzungsmacht rebellierten.“

Dann muss ich hier noch unbedingt die Geschichte von den Backenzähnen erzählen, die von meinem Großvater stammen, „ behauptete der Mann, „gegen Ende des zweiten Weltkrieges, es warJanuar oder Februar 45, sagte mein Großvater Karl, der in einer Kaserne in Darmstadt

stationiert war,......ich mach nicht mehr mit....es macht keinen Spaß mehr.  Er zog Uniform und Gürtel mit Koppelschloss aus und verschwand. Der Bruder musste nicht mehr dienen, er hatte schon vorher ein Bein verloren.   Einen Tag später erschienen zwei Männerin in irgendso einer Uniform und informierten: Wir müssen den Karl verhaften und ihn wegen Fahnenflucht sofort erschießen.    Der ist fort gegangen, ich weiß nicht wohin, berichtete mein Großonkel.

So? antworteten die zwei Deppen, dann müssen wir halt dich erschießen wegen Beihilfe zur Fahnenflucht.     Mein Großonkel hatte wirklich ein friedliches Gemüt, aber das war zuviel für ihn.     Dass ihr Nazis eine Meise im Kopf habt, hatte ich schon immer geahnt, aber jetzt habe

ichden endgültigen Beweis, schrie er denen entgegen.  Mit seinen Krücken schlug er den einen

sofort auf den Kopf , der dann hinfiel und den anderen Blödmann mit zu Boden riss.

Mit dem Gürtel von seinem Bruder, also von meinem Großvater, schlug er wütend auf sie ein,

mitten ins Gesicht und achtete darauf, dass das Koppelschloss genau Nase, Stirn und Hinterkopf

bearbeitete. Die Zwei sind dann ohnmächtig geworden und lagen mit blutüberströmten Gesicht

auf dem Boden. Mein Großonkel hatte sich dann vom Ort des Geschehens sogleich entfernt, er wollte nicht abwarten bis noch so ein Erschießungskommando einen Besuch macht.“

Das ist ja hoch interessant“, nickte ein Mann, „man merkt    die Aura der deutschen Geschichte haucht aus dieser Kette.“

Das können sie laut sagen“, bestätigte der Verkäufer, „jeder mit historischen Bewusstsein spürt...die deutsche Geschichte hat durch diese Kette zugebissen.

                                  Geschichte verstehen ist sehr wichtig

                                 wer die Kette kauft, handelt richtig.“

Wieso verramschen sie das Vermächtnis ihrer Ahnen und bewahren dieses wertvolle Stück

nicht im Wohnzimmerschrank auf?“ fragte eine Frau.

Ich habe Schulden“, gestand der Verkäufer kleinlaut, „irgendwie muss ich sie begleichen. Mit schwerem Herzen und trauriger Seele trenn ich mich davon.“

Ein Jugendlicher, so um 15...16 sagte zu seinem Vater: „Du Papa, im Geschichtsunterricht tun wir gerade über die Nazizeit reden, die Kette könnte ich gut dafür gebrauchen.“

Der Vater verhandelte mit dem Verkäufer, für zehn Euro wechselten Kette und Gürtel mit Koppelschloss den Besitzer.

Wahre Anekdoten wird jetzt der junge Mann seinem Geschichtslehrer erzählen können“, versprach der Verkäufer, „dazu will ich noch gratis über ein Ereignis berichten: Als mein Großonkel die beiden Nazideppen ins Jenseits befördert hatte, zog er seine Hose runter und hat denen, bevor er abhaute, genau übers Gesicht geschissen, er hatte wegen der Aufregung  Durchfall bekommen.

                 Die Naziblödel hatten im Kopf eine Meise

                 mein Großonkel tat darauf deftig scheiße(n).“

 

 

 

 

 

   

      

   

 

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